Hochspannungssicherungsanlage

 

Zur äußeren Sicherung des Geländes der Troposphärenfunkzentrale gehörte unter anderem ein Elektrozaun, eine so genannte Hochspannungssicherungsanlage (HSA).

Die HSA hatte die Aufgabe, ein unbefugtes Betreten des Areals zu verhindern, sowie mögliche Überwindungsversuche zu melden. Ähnliche Anlagen waren auch an anderen wichtigen Objekten der NVA zu finden, beispielsweise an anderen Bunkeranlagen, Funkzentralen, Munitions- oder Materiallagern.

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Die Zaunanlage, mit Innen- und Außenzaun

Aufbau:

Zu einer Hochspannungssicherungsanlage gehören neben der eigentlichen Zaunanlage, die das zu schützende Objekt umgibt, auch noch die Betriebsräume, in denen die Einrichtungen zur Steuerung und Hochspannungserzeugung untergebracht sind.

Die Zaunanlage der Troposphärenfunkzentrale hat eine Länge von etwa 1100m. Sie besteht aus einem etwa 2m hohen Außenzaun aus Maschendraht. Dahinter verläuft, parallel zum Außenzaun, der Hochspannungszaun.

Der Hochspannungszaun besteht aus sieben parallel übereinander verlaufenden Edelstahldrähten, an die eine Hochspannung angelegt wurde. Die Drähte wurden von Betonpfählen mit Hochspannungsisolatoren gestützt.

Hinter dem Hochspannungszaun verläuft der 1,50 m hohe Innenzaun (Maschendraht). Die Einrichtungen für die Steuerung und Hochspannungsversorgung der Anlage befinden sich in einem separatem Teil des KDL-Gebäudes (Wache) in 2 Räumen. Im ersten Raum (Niederspannungsraum) befindet sich die Steuerung, sowie für diese Anlage benötigte Werkzeuge und Sicherungseinrichtungen (Kontrollbücher, Erdungsvorrichtung u.s.w.). Von hier aus kann die Anlage ein- und ausgeschaltet, Alarmmeldungen quittiert und die Hochspannung eingestellt werden. Im 2. Raum (Hochspannungsraum) befinden sich die Bauelemente, die zur Erzeugung der Hochspannung notwendig sind (Hochspannungstransformator, Hochspannungsgleichrichter, Spannungsmesser).

Der Umgang mit Hochspannung ist bekanntermaßen nicht ganz ungefährlich, somit gab es auch hier einige Vorschriften und Regelungen zu beachten.

Man konnte sich bei den Hochspannungssicherungsanlagen nicht einfach über alle geltenden Sicherheitsbestimmungen im Ungang mit elektrischem Strom hinwegsetzen, deshalb wurde die HSA (mit Zaunanlage und Betriebsräumen)  zum "Elektrischen Betriebsraum" erklärt. Damit galten für diese Anlagen die selben gesetzlichen  Sicherheitsvorschriften und Normen, wie sie auch für Umspannwerke oder Trafostationen gelten. Beispielsweise sollte ein versehentliches direktes Berühren der hochspannungsführenden Drähte des Zaunes durch den Außen- und Innenzaun verhindert werden, zusätzlich waren Warnschilder angebracht.

Das Bedienpersonal wurde entsprechend unterwiesen, geschult und geprüft und erhielt eine Schaltberechtigung. Auch das restliche Personal der Troposphärenfunkzentrale wurde regelmäßig über die Gefahren und den Umgang mit dieser Anlage belehrt.

 

Funktion:

Die Steuerung der HSA wird aus dem 220V Netz gespeist. In der Steuerung befindet sich ein Stelltransformator, mit dem die an den Hochspannungstransformator angelegte Spannung eingestellt werden kann (Primärspannung für den Hochspannungstransformator 0-220V Wechselspannung). Die für Hochspannungssicherungsanlagen verwendeten Hochspannungstransformatoren wurden ursprünglich in Hochspannungsprüfanlagen (Isolationsprüfung  von Kabeln und Anlagen) verwendet. Hinter dem Transformator befindet sich ein Hochspannungsgleichrichter sowie ein Spannungsmesser.

Hochspannungstransformator und Gleichrichter konnten in der verbauten Variante aus den von der Steuerung erhaltenen 0 - 220V Wechselspannung eine pulsierende Gleichspannung von 0-8000V (8 kV) erzeugen und eine Leistung von 4,4 kW übertragen. Ein Pol der Gleichspannung wurde auf den Zaun gegeben, der andere Pol auf „Erde“ gelegt.

Würde eine Person beim Überwinden des Hochspannungszaunes einen der Drähte berühren, so würde sie den Stromkreis (Erde - Zaun) schließen (Erdschluss). Dabei würde die Person einen elektrischen Schlag erhalten. Dieser Überschlag würde auch von der Steuerung detektiert und Alarm ausgelöst. Der Alarm wurde sowohl im KDL als auch im Schutzbauwerk auf dem Pult des Bauwerksdispatchers signalisiert.

Gleichzeitig schaltete die Steuerung die Hochspannung ab (Schutz des Hochspannungstransformators  gegen Überlastung). Anschließend versuchte die Steuerung die Anlage wieder einzuschalten.

Im Abstand von bis zu 2 min wurde ein Einschaltversuch gemacht. Sollte der Erdschluss nicht mehr vorhanden sein, wurde die Anlage wieder eingeschaltet. Sollte der Erdschluss noch vorhanden sein wurde wieder bis zu 2 min gewartet bis zum nächsten Einschaltversuch. Sollte innerhalb von bis zu 15 min die Wiedereinschaltung nicht erfolgreich sein, wurden keine weiteren Einschaltversuche gemacht und die Hochspannung blieb abgeschaltet.

Nach einem ausgelösten Alarm musste die Wachmannschaft die Ursache für den Alarm finden. Dies bedeutete, dass der ganze Bereich entlang der Hochspannungssicherungsanlage abgesucht werden musste, um die Ursache zu finden. Bevor allerdings jemand den Bereich am Hochspannungszaun betreten durfte, musste ein Schaltberechtigter die HSA ausschalten, gegen unbefugtes Einschalten sichern, sowie verschiedene Maßnahmen ergreifen um die Spannungsfreiheit und damit die Sicherheit des sich im Zaunbereich befindlichen Personals zu garantieren. Für das Aus- und Einschalten gab es genaue Vorschriften, an die sich der Schaltberechtigte halten musste.

Es gab verschiedene Ursachen für Fehlalarme bei solchen Anlagen. Beispielsweise konnten ungünstige Wetterlagen (Nebel, Regen, Schnee) oder Vegetation (Unkraut, heruntergefallene Äste) zu einem Hochspannungsüberschlag führen. Gerade die Unkrautbekämpfung war bei den Wachsoldaten eine unbeliebte Aufgabe. Nicht überall konnte man Unkrautvernichtungsmittel einsetzen, somit blieb es bei der Unkrautbekämpfung „von Hand“ durch die Soldaten.  Häufig lösten auch Tiere (Beispielsweise Wildschweine, Vögel oder Füchse), die es geschafft hatten durch den Außenzaun zu gelangen, Alarm aus. Ob und wie man den Kontakt mit einer solchen HSA überlebt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, beispielsweise der Spannung, die am Zaun anliegt, wie und mit welchem Körperteil man den Zaun berührt, wie gut die Bodenleitfähigkeit in dem Bereich ist oder wie gut der Kontakt zum Boden ist. Dabei waren Verletzungen wie äußere / innere Verbrennungen durch den elektrischen Schlag, Herzrhytmusstörungen, Lähmungen der Muskulatur oder Gasbildung im Blut (Elektrolyse) möglich. Für einen Menschen war der Kontakt mit dem Stromzaun lebensgefährlich, für Kleintiere meist tödlich. Sie mussten aus der HSA geborgen werden, bevor diese wieder eingeschaltet werden konnte.

Absolut sicher und unüberwindbar waren diese Anlagen allerdings nicht. Berichten zu folge sollen es Soldaten unter anderem mit entsprechenden Isoliermatten geschafft haben solche Anlagen zu überwinden.

Das endgültige „Aus“ für die Hochspannungssicherungsanlagen auf dem Gebiet der DDR kam mit dem Befehl 48/90 des Ministers für Abrüstung und Verteidigung vom 21.09.1990. Darin wurde festgelegt, dass die von der NVA betriebenen Hochspannungssicherungsanlagen am 03.10.1990 um 00:00 Uhr abzuschalten sind.

Früher oder später wurde in den meisten Objekten damit begonnen die Hochspannungssicherungsanlagen zu demontieren und zu verschrotten. Heute sind die meisten dieser Anlagen verschwunden und an den ehemaligen Standorten sind nur noch Fragmente zu finden.

Die Hochspannungssicherungsanlage der Troposphärenfunkzentrale wurde von den Mitgliedern des Vereins mit sehr viel Mühe originalgetreu rekonstruiert und weiterhin gepflegt um sie als einzigartiges Anschauungsobjekt für unsere Besucher zu erhalten.

 

 

Burkhard Pohler

 
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